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Stück selbst erarbeiten?
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THEMA: Stück selbst erarbeiten?
#1111
Annette
klavierspielende Mama eines geigespielenden Sohnes
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Stück selbst erarbeiten? vor 3 Jahren, 2 Monaten Karma: 5
Hallo Ihr Lieben,

ich würde mal gerne wieder etwas diskutieren, und zwar, das Ausmaß, in dem Eltern mit den Kindern üben, bzw. die Erziehung zu mehr Selbständigkeit.

In diesem Forum gibt es ja viele Eltern, die mit ihren Kindern üben, und Lehrer, die dies befürworten. Es gibt sogar Methoden, die dies verlangen (Suzuki, will ich jetzt aber nicht diskutieren).

So läuft es bei uns auch: ich übe mit meinem Sohn (7 Jahre), und das hat sich eingespielt. Das hat Vorteile und Nachteile.

Vorteile: Weil ich immer gleich korrigiere und mit ihm systematisch die schwierigen Stellen übe, kann seine Stücke immer sehr gut und eigentlich fehlerfrei, d.h. Intonation stimmt und der Rhytmus auch. Auch sein Klang ist schön.

Auch auf die Technik achte ich, jedenfalls auf das, was die Lehrerin in der Stunde betont hat, z.B. Handstellungen, oder zur Zeit Bogeneinteilung etc. Ich sitze ja im Unterricht mit drin und kriege das mit.

Nachteil: Wenn Sohnemann ein neues Stück aufhat, fidelt er erst mal drauf los, mit falschen Tönen und falschem Rhytmus. Also greift Mama sofort ein, und singt oder spielt ihm das Stück richtig vor, zählt mit ihm laut, etc. Bald kann er sein Stück auswendig, ohne daß er sich sehr um die Noten bemüht hat. Das ist für den Kleinen natürlich bequem, und er bemüht sich gar nicht erst besonders um das Notenlesen. Oft weiß er nicht mehr, wo in den Noten er gerade ist. Er kann zwar trotzdem Noten lesen, aber nicht routiniert.

Seine Lehrerin ist nun der Ansicht, daß er sich seine Stücke ganz allein erarbeiten solle, denn das muß man können. Ich soll bei dem nächsten überhaupt nicht eingreifen. Das klappt aber nicht gut, denn er hat dazu keine Lust.

Das ist zwar einerseits ein wichtiges Lernziel, andererseits sehe ich bei diesem Lernziel keine besondere Eile. Eines Tages wird er selber entscheiden, daß er nun lieber selbständig sein will. Erst mal soll er mit seiner Technik weiterkommen, finde ich. Ich finde übrigens frühes Notenlesen wichtig, deshalb üben wir manchmal vom Blatt spielen. Das ist aber noch etwas anderes als ein Stück völlig selbständig zu erarbeiten.

Wir haben das Problem allerdings auch bei den Hausaufgaben: mit der Mama ist es alles doch viel bequemer als allein. Das ist nun aber ein Erziehungsproblem, für das der Geigenunterricht nicht zuständig ist.

Man darf auch nicht vergessen, daß die 45 Minuten pro Woche gar nicht ausreichen, bei einem kleinen Kind einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. In dem Alter braucht man tägliche Erinnerung an die Punkte, auf die geachtet werden sollen.

Wie seht Ihr das?

Grüße

Annette
 
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#1112
chutcap
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Re:Stück selbst erarbeiten? vor 3 Jahren, 2 Monaten Karma: 2
Hallo Annette,

beim Üben dreht es sich doch immer um die gleichen Fragen:

- spiele ich den richtigen Text (Noten lesen ist ganz wichtig, da haben Sie völlig recht)

- spiele ich den richtigen Text mit guter Intonation?

- spiele ich den sauberen richtigen Text im vorgegebenen Rhythmus?

- klingt alles zusammen glatt (Klangqualität)?

- gibt es Informationen im Text zur Dynamik?

Eine gute Strategie zum Selbstständig-Werden ist, dass man EINE dieser Fragestellungen an sein Kind abgibt und selber wieder die nächste übernimmt. Auch schön für Kinder ist es, wenn sie den Eltern etwas aus dem Stück erklären dürfen.
Oder üben Sie eine Stelle mit Ihrem Kind an, und verlassen sie dann für eine kurze Zeit das Zimmer. Um sich dann nach einer Zeit das Ergebnis anzuhören.

Wenn ein Kind verinnerlicht, dass die Reihenfolge der Prioritäten beim Üben immer die gleiche bleibt, und dass man immer nur eine Sache zu einer Zeit bearbeiten soll, schleift sich eine gute Systematik ein.

Darüber hinaus finde auch ich es sehr wichtig, dass Kinder Noten lesen können sollten und auch vom Blatt singen und spielen lernen.

Weiterhin viel Spaß und besten Erfolg,
Christiane Hutcap.
 
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#1113
Wusel
geigende Mama mit 2 geigenden Mädchen + Mini-Cello
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Re:Stück selbst erarbeiten? vor 3 Jahren, 2 Monaten Karma: 1
Ja, das ist ein heikles Thema.
Ich ertappe mich auch immer wieder, daß ich bei unserer Großen sofort hingehe, wenn ich höre, daß sie etwas falsch übt.
Eigentlich bin ich ja froh, daß sie so einigermaßen allein übt, aber so richtig genau ist sie eben doch noch nicht. Man bekommt ja auch falsch eingeübte Sachen relativ schwer wieder weg und die Kinder nervt das dann auch. Bei ihr es es meist der Rhythmus, der Probleme bereitet.
Die Kleine lasse ich gar nicht allein üben, obwohl die Lehrerin das gut fände. Sie ist da viel zu unkonzentriert, würde nie auf ihren Strich achten, wenn sie gleichzeitig Noten liest (ist ja auch für so ein kleines Kind sehr viel).
Ansonsten mache ich es ähnlich wie Du. Ich bin dabei, achte auf technische Dinge, lasse sie einiges selbst machen (z.B. Noten abspielen), verbessere sie aber gleich, wenn es nicht stimmt. Das funktioniert eigentlich relativ gut. Tonleitern übt sie auch schon mal ganz allein...

Gruß,
Wusel
 
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Liebe Grüße, Wusel
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#1115
Birgit
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Re:Stück selbst erarbeiten? vor 3 Jahren, 2 Monaten Karma: 3
Hallo,

ich mache das auch immer so, dass ich mich bei neuen Stücken daneben setze und mitschaue. Denn oft spielt mir mein Sohn "das Blaue vom Himmel" vor. Ich meine damit, dass dann mal eine Achtel zur Viertel wird (oder umgekehrt), oder eine halbe Note nicht ganz ausgespielt wird usw.usw.

Oder es hört sich super an und irgendwann merke ich, Mensch das ist doch C-Dur und du spielst den 2. Finger hoch auf der A-Saite und mein Sohn dann OH!!

Deshalb bin ich beim ERSTEN Üben immer nebendran. Wenn ich das dann selber im Ohr habe, ruf ich ihm schonmal aus der Küche zu. Hee, du hast die Pause vergessen.....usw.usw.
Viele Grüße
Birgit
 
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#1116
Annette
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Re:Stück selbst erarbeiten? vor 3 Jahren, 2 Monaten Karma: 5
Vielen Dank für die interessanten Antworten! Das leuchtet mir alles ein.

@Christiane Hutcap:
Eine gute Strategie zum Selbstständig-Werden ist, dass man EINE dieser Fragestellungen an sein Kind abgibt und selber wieder die nächste übernimmt.
Ja, das finde ich auch überzeugender und auch realistischer.

Oder üben Sie eine Stelle mit Ihrem Kind an, und verlassen sie dann für eine kurze Zeit das Zimmer.
Das habe ich auch schon gemacht, und das funktioniert auch, je nachdem wie gut es schon klappt.

@Wusel:
Tonleitern übt sie auch schon mal ganz allein...
Das macht Sohnemann eigentlich auch. Als Intonation das Thema war, konnte ich ihn dabei allein lassen, und da ist er jetzt auch sehr genau. Zur Zeit achten wir aber auf den genauen Strich und die Bogeneinteilung, da kommt es auch aufs Zuschauen an, und da muß ich ihm erst klar machen, WIE genau das erst sein soll. (Zur Zeit kleben wieder Tesafilmstückchen am Bogen)

@Birgit:
Deshalb bin ich beim ERSTEN Üben immer nebendran.
Das finde ich auch effektiver! Wenn es dann im Prinzip richtig ist und nur noch weiter geübt werden muß, können auch kleine Kinder das allein.

Jedenfalls hat die Lehrerin ausdrücklich gewünscht, daß er das neue Stück ganz allen erarbetet.

Eben haben wir wieder geübt, und ich habe, wie gestern auch, tatsächlich überhaupt nicht eingegriffen. Und es ist genauso, wie ich es befürchtet habe und wie Ihr es auch beschreibt:

  • "Sie ist da viel zu unkonzentriert, würde nie auf ihren Strich achten, "(Wusel)

  • " dass dann mal eine Achtel zur Viertel wird (oder umgekehrt), oder eine halbe Note nicht ganz ausgespielt wird usw.usw. "(Birgit)



Er holpert sich da sehr unlustig einen ab! Die Intonation stimmt, aber an einer Stelle ist ein F ist immer ein Fis, und vor allem stimmt der Rhytmus nicht. Der ist nicht ganz trivial, punktierte und nichtpunktierte Viertel, gemischt mit 2er- und 3er- Bindungen von Achteln.

Es nervt mich echt, ihn sich da abmühen und Sachen falsch üben zu sehen. Das ist verlorene Zeit! Wenn sich ein Kind schon anstrengt, sollte es wenigstens ein Erfolgserlebnis haben. Er könnte das Stück bestimmt in einer Woche schön spielen, aber zum Selbsterarbeiten ist es zu schwer!

Vor allem wird die Lehrerin in der nächsten Stunde genau das machen, was ich auch machen würde, nämlich erst mal den Rhytmus korrigieren und mit ihm zählen. Das hätten wir dann schon fast eine Woche früher haben können.

Es gibt ja viele Lernziele, und ein wichtiges ist selbstverständlich auch, Stücke selbst zu erarbeiten. Aber man kann ja nicht alles auf einmal! Im Moment ist eigentlich der genaue Strich das Thema. Da sehen wir tägliche Fortschritte (andere Stücke, Tonleitern), und das macht Spaß!

Beim Üben des Vom-Blatt-Lesens nehme ich erst mal einfache Stückchen, viel einfacher als seine Aufgaben. Ich habe mir dafür einfach eine andere Anfänger-Violinschule aus der Stadtbücherei ausgeliehen. Erst wenn ein Kind Viertel und Achtel rhytmisch richtig vom Blatt spielt, sollte man den nächstschwierigeren Rhytmus nehmen. Ich habe auch Kinderlieder, die er kennt, aufgeschrieben (ich habe ja so ein schönes Notenschreibprogramm und eine Eingabetastatur, da geht das ruckzuck). Diese Noten gebe ich ihm, und er soll das Lied raten. Das kriegt er natürlich nur raus, wenn er den richtigen Rhytmus und nicht nur die richtigen Tonhöhen spielt. Das macht ihm Spaß und entfacht seinen Ehrgeiz.

Kurz, ich denke auch, er ist zur Zeit nicht reif für das Selbsterarbeiten, einfach auch deshalb, weil er es nicht will! Mein Sohn braucht KLEINE Schritte beim Üben! Z.B. "Wieso knarrt das immer so komisch bei diesem Saitenwechsel? Ich geh jetzt mal weg, und in fünf Minuten höre ich mir das wieder an, ob es immer noch so knarrt an der Stelle". Er braucht wirklich viele viele kleine Anweisungen.

Hm, andere Schüler der Lehrerin bekommen weniger Elternhilfe, aber sie sind auch längst nicht so weit! Vielleicht erarbeiten sie sich ihre Stücke selbständiger, aber die sind auch einfacher.

Ich grübele auch so ein wenig über psychologische Hintergründe der Dreiecksbeziehung Kind-Lehrer-Eltern. Aber das ist besser ein neues Thema für demnächst. Erst mal so viel

und viele Grüße

Annette
 
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#1120
Wusel
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Re:Stück selbst erarbeiten? vor 3 Jahren, 2 Monaten Karma: 1
Ja, Annette, ich mußte auch gerade erst wieder eine negative Erfahrung mit dem selber Erarbeiten machen.
Die Große hat die ganze letzte Woche völlig allein üben müssen, weil es mir zeitlich leider nicht möglich war, mit dabeizusein.
Ergebnis: Strich nicht mehr ganz gerade, Geige hängt, falscher Rhythmus eingeübt, einige falsche Töne.
Das ist sooo ärgerlich, zumal es wirklich so viel extra Zeit kostet, diese Fehler wieder herauszubekommen.
Außerdem ist Töchterchen über sich selbst bitter enttäuscht, da sie sich beim Üben wirklich bemüht hat. Sie ist eben noch zu klein, um auf alles zu achten.

Vor allem wird die Lehrerin in der nächsten Stunde genau das machen, was ich auch machen würde, nämlich erst mal den Rhytmus korrigieren und mit ihm zählen. Das hätten wir dann schon fast eine Woche früher haben können.


Das steht uns dann heute noch bevor. Schade, um die Zeit und den wertvollen Unterricht...

Gruß,
Wusel
 
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Liebe Grüße, Wusel
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